Ja, wenn Storytelling als Verkaufswerkzeug eingesetzt wird und nicht als Imagefilm. Die Forschung zeigt, dass B2B-Entscheider stärker emotional entscheiden, als sie selbst glauben: In einer Studie von CEB (heute Gartner) und Google wirkte der persönliche Nutzen für den Käufer etwa doppelt so stark auf die Kaufentscheidung wie der reine Geschäftsnutzen. Gleichzeitig verbringen B2B-Käufer laut Gartner nur rund 17 Prozent ihrer Kaufentscheidung im Gespräch mit Anbietern. Den Rest muss deine Geschichte allein erledigen. Zum Marketing-Gerede wird Storytelling dann, wenn es kein Ziel hat, keine echten Kundengeschichten enthält und nie im Vertrieb ankommt.
Meinen ersten Verkaufsberuf habe ich bei BMW gelernt. Premium-Produkt, Premium-Kundschaft, Premium-Erwartungen. Eines Tages stand ein Familienvater im Showroom, und ich hätte ihm die Ausstattungsliste vorlesen können. Stattdessen habe ich ihm eine Geschichte erzählt. Er hörte zu, schaute auf das Auto und sagte: „Ich glaube, das ist mein Auto.“ Kein Rabatt, kein zusätzliches Argument. Eine Geschichte.
Wenn ich das heute Geschäftsführern aus dem Mittelstand erzähle, kommt fast immer derselbe Einwand: „Schön, aber das war ein Privatkunde. Bei uns entscheiden Einkäufer, Ingenieure und Geschäftsführer nach Fakten, Lastenheft und Preis.“
Genau um diesen Einwand geht es in diesem Artikel. Ich zeige dir, was die Forschung über B2B-Entscheidungen sagt, warum gerade der Mittelstand von Storytelling profitiert und wann Storytelling tatsächlich nur Marketing-Gerede ist.
CEB, heute Teil von Gartner, hat gemeinsam mit Google über 3.000 B2B-Käufer befragt. Veröffentlicht wurde die Studie unter dem Titel „From Promotion to Emotion“. Das zentrale Ergebnis: Der persönliche Nutzen für den Käufer, also zum Beispiel Anerkennung im Unternehmen, Sicherheit bei der Entscheidung oder die Angst, sich mit einer falschen Empfehlung zu blamieren, wirkte etwa doppelt so stark auf Kaufentscheidungen wie der reine Geschäftsnutzen.
Noch deutlicher ist ein zweiter Befund: Nur rund 14 Prozent der befragten Käufer sahen beim Geschäftsnutzen so große Unterschiede zwischen den Anbietern, dass sie dafür mehr bezahlen würden. Mit anderen Worten: Auf der Ebene von Features und Leistungsdaten sehen die meisten Anbieter für Kunden gleich aus. Und wer gleich aussieht, wird über den Preis verglichen.
Gartner hat untersucht, wie B2B-Käufer ihre Zeit während einer Kaufentscheidung verteilen. Nur etwa 17 Prozent davon verbringen sie im Gespräch mit möglichen Anbietern, und zwar mit allen zusammen. Bei drei Anbietern im Rennen bleiben dir also rund fünf Prozent. Den Großteil der Zeit recherchieren Käufer selbst, sprechen mit Kollegen und stimmen sich intern ab.
Das heißt: Die Entscheidung fällt zu einem großen Teil in Meetings, in denen du nicht sitzt. Dort erzählt dein Ansprechpartner deinen Wettbewerbsvorteil weiter, so gut er ihn verstanden hat. Eine klare Geschichte lässt sich weitererzählen. Eine Liste mit zwölf Leistungsmerkmalen nicht.
John Dawes vom Ehrenberg-Bass Institute hat für das B2B Institute von LinkedIn die sogenannte 95:5-Regel beschrieben. Die Idee: Zu einem bestimmten Zeitpunkt ist nur ein kleiner Teil deiner potenziellen Kunden überhaupt auf der Suche, Dawes nennt als Faustregel etwa fünf Prozent. Die übrigen 95 Prozent kaufen erst später. Dawes betont selbst, dass die Zahlen nicht wörtlich zu nehmen sind, die Richtung ist aber eindeutig.
Für den Mittelstand bedeutet das: Wer erst dann überzeugen will, wenn ein Kunde gerade ausschreibt, ist zu spät. Gewinnen wird der Anbieter, an den sich der Kunde in diesem Moment erinnert. Und Menschen erinnern sich an Geschichten deutlich besser als an Datenblätter.
Viele mittelständische B2B-Unternehmen haben eine besondere Ausgangslage: fachlich exzellent, über Jahrzehnte gewachsen, viele Kunden über Empfehlungen gewonnen. Gleichzeitig klingen Website und Angebote oft austauschbar, weil das, was das Unternehmen wirklich besonders macht, nur im Kopf des Inhabers existiert.
Drei Dinge machen Storytelling im Mittelstand besonders wirksam:
Ein Beispiel aus unserer Arbeit ist for suxess Technology, ein IT-Mittelständler, dessen neue Kunden fast ausschließlich über Empfehlungen kamen. An Referenzen fehlte es nicht, es fehlte die Geschichte, die sie zusammenhält. Heute liegt der Grundstein für Marketing und Vertrieb im Unternehmen selbst, unabhängig davon, ob gerade jemand eine Empfehlung ausspricht. Den ganzen Fall findest du hier.
Ein anderes Beispiel ist Marcel Keller, Experte für Denkmalimmobilien. Vor der Arbeit an seiner Geschichte war Kaltakquise sein Alltag. In den ersten neun Monaten 2022 hat er ohne aktive Akquise über 498.000 Euro Umsatz gemacht, und acht von zehn Anfragen werden zu Kunden. Den ganzen Fall findest du hier.
Die Skepsis vieler Geschäftsführer ist berechtigt, denn unter dem Wort Storytelling wird viel verkauft, das nichts bringt. Der Unterschied liegt fast immer an denselben Punkten:
| Marketing-Gerede | Verkaufswerkzeug | |
|---|---|---|
| Ziel | „Wir brauchen mal eine Markengeschichte.“ | Raus aus dem Preisvergleich, mehr Abschlüsse, weniger Abhängigkeit vom Inhaber |
| Inhalt | Werte, Vision, schöne Worte | Ursprungs-, Kunden- und Zukunftsgeschichte mit echten Fakten |
| Beweis | Keiner | Kundengeschichten mit Ausgangslage, Vorgehen und Ergebnis |
| Einsatz | Imagefilm und „Über uns“-Seite | Website, Angebote, Verkaufsgespräch, Pitch, Content, Recruiting |
| Wer erzählt | Die Agentur | Inhaber, Vertrieb und Team, jeden Tag |
| Messung | Likes und Klicks | Anfragen, Abschlussquote, durchgesetzte Preise |
Wenn dein Storytelling-Projekt in der linken Spalte landet, ist die Skepsis richtig. Wenn es in der rechten Spalte landet, ist Storytelling eines der günstigsten Vertriebswerkzeuge, die du hast.
Wenn du wissen willst, welche deiner drei Geschichten gerade trägt und welche dich in den Preisvergleich schickt, mach den kostenlosen GDV Story Check. Und wenn du die Geschichte deines Unternehmens gemeinsam mit uns erarbeiten willst, findest du alles Weitere auf der Seite Storytelling-Beratung oder bei unseren Workshops.
Nicht, wenn die Geschichten wahr sind und belegt werden. Seriöses B2B-Storytelling erfindet nichts, sondern ordnet echte Fakten so, dass Kunden sie verstehen und weitererzählen können.
Einzelne Kundengeschichten wirken oft schon im nächsten Verkaufsgespräch. Bis sich eine Positionierung im Markt festsetzt, dauert es meist mehrere Monate.
Für die Umsetzung vielleicht, für die Geschichte selbst nicht. Die Geschichte muss aus dem Unternehmen kommen, sonst kann sie niemand im Vertrieb glaubwürdig erzählen.
Bernhard Kalhammer ist Gründer von Geschichten, die verkaufen und Autor von zwei Büchern über Business Storytelling. Er hat über 200 Beratungsmandate begleitet, darunter Mercedes-Benz Tech Innovation, Allianz und Boston Consulting Group. Vorher war er als Stratege Teil der Geschäftsführung des Deutschen Sportfernsehens (DSF) und hat kinoheld.de gegründet und an CTS Eventim verkauft. Sein Podcast Geschichten, die verkaufen umfasst über 400 Folgen.
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